Geschichte der Rasse, Grundsätze des Richtens, Anregungen an die Richterschaft – von Levente Miklòs, Präsident des Ungarischen Windhundklubs, übersetzt von Dr. Arpad Asztalos, online gestellt im Windhund Journal.
Unter allen ungarischen Hunderassen ist der Magyar Agar am heterogensten und bietet bezüglich Zucht und Bewertung für heftige Diskussion Anlaß.
Zum besseren Verständnis hier ein historischer Rückblick:
Die Frage, ob es den Magyar Agar als Rasse überhaupt jemals gab, liegt im Dunkel vergangener Zeiten. Fanatische Liebhaber der Rasse behaupten felsenfest, daß die Hunde in unveränderter Form bereits bei der Landnahme der Magyaren (890 p C) existierten. Noch mehr Verblendete glauben sogar zu wissen, wie der Hund genau aussah, den unser berühmter Fürst Arpad “höchstpersönlich unter den Arm geklemmt hatte” und über den Verecke Paß in die neue Heimat schleppte. Nüchtern denkende Fachleute gehen davon aus, daß die magyarischen Nomaden als reitendes Jägervolk windhundähnliche Hunde mit sich führten, die wahrscheinlich von Windhunden im Osten, Mittelasien und Russland abstammten, bzw. sich mit diesen vermischten. Die Forschung hat die Frage bisher noch nicht beantworten können.
Im 18. und 19. Jahrhundert wurde der Magyar Agar schon vielfach erwähnt, während in dieser Zeit auch zahlreiche Greyhoundimporte aus England nach Ungarn kamen. Da diese Hunde von Pferdehändlern eingeführt wurden (Pferde und Hunde gehörten damals eng zusammen), kann angenommen werden, daß auch bezüglich der Fachausdrücke eine gewisse Parallele besteht. Direktimporte heißen angol (englisch), während in Ungarn geborene, bzw. dort gekreuzte “magyar” (ungarisch) genannt werden. Auch den sogenannte “Scholleneinfluß”, die landschaftsbedingte Unterschiedlichkeit von Rassen ist zu berücksichtigen. Diese Vielfalt der Rassen ist das Ergebnis der chemischen und biologischen Unterschiede von Boden, Wasser und Pflanzenwelt der verschiedenen Landstriche. Speziell auf ungarische Verhältnisse bezogen bedeutet dies, daß die Nachkommen der aus England importierten Pferde während mehrer Generationen schwerer und massiger wurden. Nun ist es denkbar, daß auch bei den aus England importierten Greyhounds eine ähnliche Entwicklung vollzog und dabei der Magyar Agar entstand.
Jagd mit Windhunden war früher ein Vorrecht des Adels. “Normalbürger” besaßen andersrassige oder gar Mischlingshunde, die durchaus erfolgreich Hasen und Rehe jagten. Zwangsläufig wurden diese Hunde (teils offen, teils geheim) mit Greyhounds gekreuzt. Da Windhunde schlechthin, doch insbesondere der Greyhound, in der Vererbung sehr dominant sind, ist es kein Wunder, daß die Nachkommen in ihrem Phänotyp dem Greyhound sehr ähnlich sahen. Nun, unabhängig davon, ob dabei eine neue Rasse entstanden ist oder nicht, Tatsache ist, daß im 2. Weltkrieg und während der folgenden Jahrzehnten auf Grund des Kriegsgeschehens, der wirtschaftlichen Situation, aber vor allem aus politischen Gründen die Rasse in Ungarn praktisch ausgestorben war. Das betrifft übrigens alle Windhundrassen in Ungarn; in den Zuchtbüchern der MEOE war bis in die Mitte der 60er Jahre keine einzige Windhundrasse eingetragen. Erst in der 2. Hälfte der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts begann ganz offiziell die Rückzüchtung der Rasse. In Wirklichkeit begann erst dann die Ausformung der Rasse. Ich konnte diese Entwicklung unmittelbar beobachten, da die Szigethy – Brüder Kriegskameraden und gute Freunde meines Vaters waren.
In der internationalen Kynologie gilt ein Land um so mehr, je mehr eigene Hunderassen es vorzuweisen hat. Aus diesem Grund hat die MEOE die zuvor geschilderte Entwicklung von Anfang an unterstützt. In dieser Zeit und auch einige Jahrzehnte danach konnte man noch gut erkennen, in welchem Magyar Agar wie viel Viszlablut fließt oder das vom Dobermann oder Deutschen Schäferhund u.a.
Bereits um diese Zeit waren eher die Begeisterung, der Idealismus und der verborgene Nationalstolz und weniger gute Fachkenntnis für die “Zucht” kennzeichnend. Als typisch für die Kurzsichtigkeit gilt beispielsweise, daß der damalige Vorsitzende des kurzzeitig selbstständig agierenden “Magyar Agar Klubs” auf einer internationalen Konferenz sich bemühte nachzuweisen, daß der Greyhound aus dem Magyar Agar herausgezüchtet wurde!
Trotz alldem gelang es Anfang der 70er Jahre, einen mehr oder weniger homogenen Bestand herauszuformen, der sich in einigen Rassemerkmalen vom Greyhound bereits unterschied – wenn auch auf den ersten Blick nicht mit Bestimmtheit festgestellt werden konnte, um welche Rasse es sich eigentlich handelte. Hier begann aber auch das Problem, dessen Auswirkungen die Rasse auch heute noch scher belastet. Sie wurde auf Rennbahnen immer beliebter, auch im Ausland. Schnelle Hunde zu züchten war eine Ehre und bot zugleich einen erheblichen finanziellen Anreiz.
Gewissenlose, hemmungslose, herzlose und sich dabei noch als Apostel der Rasse betrachtende Gestalten begannen Greyhounds in die Magyar Agar einzukreuzen, und dies auch noch mit gefälschten Abstammungsnachweisen. Da auch die “greyhoundfreie” Abstammung der Mutterhündin sehr fraglich war, wurden diese Kreuzungen die großen Sieger auf den Rennbahnen. Aus dem Ausland strömten finanzschwere Interessenten n ach Ungarn (Hier und da wurden im Rahmen dieser unerträglichen “züchterischen Arbeit” sogar Whippets eingekreuzt!) Demgegenüber waren die wirklich Magyar Agar-typischen, aber verständlicherweise wesentlich langsameren Magyar Agars allmählich so gut wie gar nicht mehr einsetzbar.
Nun, man muß dabei auch ein kritisches Wort an die Richterschaft richten, die auf Ausstellungen nach dem Motto richtete “wenn ich so einer Kreuzung alle Titel vergebe, bekomme ich eben keine Probleme”. Die Hunde gewannen! Sie bekamen auf Europa- und sogar Weltsiegerausstellungen Titel sogar von Richtern, die noch nie in ihrem Leben einen reinrassigen Magyar Agar gesehen hatten. Aber die Hunde wurden internationale Champions. Bei den Züchtern, Rennbegeisterten und sogar bei den Funktionären galt indessen nur die alleinige Frage, wann endlich die Magyar Agar schneller als die Greys werden. Also kreuzen sie untereinander diese Mischlinge. Man nannte diese Hochhalbblüter Magyar Agar (ungarischer Windhund). Dies führte dazu, daß standardgerechte Exemplare unter den Rennhunden nur noch selten anzutreffen waren.
Es soll hier nicht verschwiegen werden, daß einige wenige begeisterte Agarliebhaber durchaus versuchten, standardgerechte Hunde zu züchten, aber die Beschaffung von geeigneten Zuchttieren stellte sich als schwierig heraus. Denn auch bei einem geeignet erscheinenden Magyar Agar war die wahre Abstammung unbekannt. Das Erbgefüge der Hunde lag im Dunkel. Die Ähnlichkeit der beiden “Richtungen” (standardgerechte sowie Rennhunde) haben wenig später ausländische (insbesondere aus Deutschland und Frankreich) veranlaßt, den “richtigen” Magyar Agar zu suchen. Sie boykottierten die Magyar Agar-Mischlingszüchter. Ein wichtiger Schritt war die noch nicht lange her durchgeführte Modifizierung des Standards. Obwohl durch die Mitwirkung einer “nicht kompetenten Person” die Überarbeitung ein klein wenig daneben gegangen ist!
Jetzt sind wir Richter endlich an der Reihe, die Rasse Magyar Agar endlich in Ordnung zu bringen. Wir befinden uns im vorsetzten Augenblick! Dazu möchte ich als einer, der die Rasse am längsten richtet, aber auch als Präsident des Klubs, der um die Magyar Agars mit dem richtigen äußeren Erscheinungsbild kämpft, einige Hilfen und Anhaltspunkte geben. Herausheben möchte ich die Aspekte, die den ungarischen Windhund zum “Magyar Agar” machen.
Das größte Problem ist die Ähnlichkeit des Magyar Agars mit dem Greyhound. Bei der Bewertung im Ausstellungsring muß eine solche Ähnlichkeit streng geahndet werden und umgekehrt die Unterschiede bzw. Abweichungen voneinander spürbar honoriert werden. Das rassetypische Erscheinungsbild ist vorrangig im Vergleich zu ev. Mängeln in der Anatomie.
Bei der Erstellung des ersten Standards stand die Frage offen, sollten die Hunde große, kräftige Tiere sein oder eher kleinere, ca 60 cm hohe, leicht gebaute Hasenjäger. Die Entscheidung fiel für die kräftige Variante. Bei der letzten Überarbeitung des Standards wurde die Widerristhöhe sogar weiter erhöht. Die Richter sollen deshalb nicht die kleinen, “katzenartigen”, sondern Hunde mit entsprechenden Proportionen und Masse, die sogenannten “großrahmigen” Exemplare bevorzugen, wobei aber Übertreibungen zu ahnden sind!
Gemäß Standard ist der Magyar Agar ein langrechteckiger Hund, d.h. seine Proportionen ähneln denen eines auf der Längsseite liegenden Ziegelsteines. Dies sollen wir unbedingt verlangen, da auch Geschwindigkeit und Ausdauer dieses Format verlangen. Demgegenüber sehen wir immer mehr Formate, die an einen auf seiner Kurzseite stehenden Ziegelstein erinnern, d.h. die Widerristhöhe übertrifft wesentlich die Körperlänge (wie z.B. beim Azawakh). Da dies jedoch für den Magyar Agar absolut untypisch ist, schlage ich vor, einem solchen Hund bestenfalls die Wertnote “genügend” zu vergeben, es sei, er ist bezüglich seiner anderen Eigenschaften vorzüglich. Aber auch in einem solchen Fall sollte die Formwertnote nicht besser als “gut” sein.
Der Knochenbau des Magyar Agars soll kräftig sein. Hunde mit allzu feinem Knochenbau, mit zierlichen “stäbchenartigen” Beinen und Katzenpfoten sollen wir nicht favorisieren.
Der Kopf ist sehr bedeutsam, denn er ist das wichtigste Rassemerkmal des Magyar Agar. Wir verlangen einen breiten Schädel mit ausgeprägtem Stop. Der Fang ist kräftig, es ist wünschenswert, daß die Kaumuskeln nahezu ohne Unterbrechung (Vertiefung) direkt im Fang münden. Die Schädeldecke ist eher flach als gewölbt. Der Fang ist ausdrücklich kräftig und auch beim Nasenspiegel nicht spitz. Bei einem wirklich guten Magyar Agar ist der Fang um einen Hauch länger als die Schädeldecke. Hunde mit schnabelförmigem Fang (betont spitz, ab dem Stop “abgeschnürt”, zu fein) sollten nach Möglichkeit nicht mit V beurteilt werden.
Sehr wichtig sind die Ohren. Sie sind ausgesprochen groß, kräftig, fleischig und dürfen keine Hängeohren sein. Trotz ihrer Dicke und Masse müssen es einwandfreie Rosenohren sein. Hunde mit einem solchen Kopf und solchen Ohren haben bei aufmerksamer Haltung einen typisch freundlichen Gesichtsausdruck. Magyar Agar mit kleinen, dünnen, ev. sogar Stehohren verdienen ebenfalls nicht die Formwertnote “Sehr gut”.
Und nun zum Rücken: Der Rücken der “Renntypen” ist zwar gerade, jedoch mit einem leichten Bogen. Demgegenüber ist der Rücken des Magyar Agars vollständig gerade und ziemlich lang.
Ein wichtiges Merkmal des Magyar Agars ist die Rute. Im Vergleich ist die Rute des Greyhounds ganz dünn und fein behaart (sog. Rattenschwanz), obwohl speziell Renngreys häufig eine kräftigere und gröber behaarte Ruten haben. Ein vorzüglicher Magyar Agar hat niemals einen “Rattenschwanz”. Wir verlangen im Ausstellungsring eine kräftige und dicke Rute, deren untere Kante von hartem Stichelhaar bedeckt ist.
Ein sehr wichtiges Merkmal ist die typische Unterlinie mit entsprechendem Brustkorb. Er ist nicht zu tief, d.h. er kann durchaus schon etwas über dem Ellbogen enden, jedoch sehr lang und stark gewölbt und mit sanftem Übergang in den nicht allzu stark hochgezogenen Bauch übergehend. Insbesondere bei Typen, die an einen hochkant gestellten Ziegelstein erinnern (aber auch bei andren Typen) finden wir manches Mal einen sehr tiefen, zugleich sehr kurzen Brustkorb, der plötzlich, nicht selten sogar mit einem Knick in den hochgezogenen Bauch übergeht (sog. Hühnerbrust). Auch dieses Merkmal erinnert etwas an orientalische Windhunde und an Ausstellungswhippets. Für Ma mit so einer Unterlinie halte ich sogar die Formwertnote “Sehr gut” für übertrieben. Solche Unterlinien sind häufig mit einer sogenannten “Löwenvorbrust” gepaart.
Das Haarkleid ist ein sehr wichtiges Merkmal. Der Greyhound hat kurze und sehr feine Haare (sog. Mausfell), der Agar dagegen längere und gröbere. Gegen den Strich gezogen fühlt sich das Haar quasi stachelartig an. Bei Ma, die diese Voraussetzung nicht erfüllen, empfehle ich, keine bessere Formwertnote als “Gut” zu geben.
Die Beschreibung der Farbvarianten im Standard ist zwar ziemlich eindeutig, trotzdem können bei Deutung der Begriffe Irritationen entstehen. Vor nicht langer Zeit habe ich in Finnland gerichtet, wo ich eine black and tan Hündin aus dem Ring geschickt habe. Anschließend erfuhr ich vom Eigentümer des Hundes, daß er das Problem bereits öfters mit anderen Richtern diskutiert hat, wobei die Einschätzungen unterschiedlich waren. (Anzumerken ist, daß die Hündin bereits 9 Jahre und auch Champion ist). Der Hundebesitzer vertrat die Meinung daß die Hündin nicht b&t ist, da im roten Bereich Streifen zu erkennen sind. Ich möchte damit sagen, daß wir bei nicht erlaubten Farben nicht “großzügig”, sondern konsequent sein sollen. Unter “Blau” ist (auch) “stahlgrau” zu verstehen, wobei der Nasenspiegel immer grau ist.
Ich frage Sie, liebe Richterkollegen, womit wir einer Rasse mehr dienen, mit einer nachsichtigern oder umgekehrt mit einer eher strengen Bewertung? Ich bin für das Letztere. Mein Standpunkt ist, daß nur eine die Fehler entsprechend ihrer Schwere bewertende, sachliche Beurteilung einer Rasse nützt. Deshalb bitte ich Sie, wenn Sie Magyar Agar richten, Ihre Verantwortung ganz besonders ernst zu nehmen, um der Rasse aus der derzeitigen tragischen Lage heraus zu helfen.
Quelle: Windhund Journal








